{"id":21308,"date":"2020-05-24T19:17:51","date_gmt":"2020-05-24T17:17:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sv-zeppelin.de\/?p=21308"},"modified":"2020-05-24T19:17:51","modified_gmt":"2020-05-24T17:17:51","slug":"halbgares-schach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sv-zeppelin.de\/?p=21308","title":{"rendered":"Halbgares Schach!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.chess-international.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/internetschach5-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-21539\" src=\"https:\/\/www.chess-international.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/internetschach5-1-600x369.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"369\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Eine kritische Betrachtung des Online-Schachs von GM Hertneck, M\u00fcnchen<\/strong><\/p>\n<p>Wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, soll man aus der Not eine Tugend machen. Die Not, die uns seit 3 Monaten begleitet und zur vor\u00fcbergehenden Einstellung des Spielbetriebs gef\u00fchrt hat, ist allgemein bekannt, und die daraus abgeleitete Tugend lautet \u201ewir spielen vermehrt online Schach\u201c. Nachdem nun zahlreiche Erfahrungen gesammelt sind, lohnt es sich eine Zwischenbilanz zu ziehen. Betrachten wir in loser Reihung die zahlreichen Aspekte, die damit einhergehen. Immer im Vergleich zu einem gewohnten Turnierumfeld und einer normalen Turnierpartie.<\/p>\n<p><strong>Die Pr\u00e4senz ist abhanden gekommen!<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist der offensichtlichste Unterschied. Es fehlt das Gegen\u00fcber, das nur noch im virtuellen Raum agiert. Es fehlt der Blick auf den Turniersaal, auf die anderen Partien, ja sogar auf unser gewohntes Brett und die (Holz)Figuren. Der gepflegte Austausch vor Ort. Die anschlie\u00dfende Analyse der Partie. Man kann die Atmosph\u00e4re im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr greifen, sie bleibt irreal. Zwar befinden sich weiterhin alle Teilnehmer im Turnierraum, und sie f\u00fchren konzentriert ihre Z\u00fcge aus, doch teilt sich dieser Raum in viele Einzelr\u00e4ume, die man nicht mehr \u00fcberblicken kann. Alles konzentriert sich auf das Brett vor Augen, und die Z\u00fcge, die mit der Maus ausgef\u00fchrt werden. Und man verliert \u00fcbrigens auch den \u00dcberblick \u00fcber den Turnierstand.<\/p>\n<p><strong>Alles wird uns\u00e4glich beschleunigt<\/strong><\/p>\n<p>Man hat nicht mehr die Ruhe wie in einem klassischen Turnier, sondern ist st\u00e4ndig gehetzt. Wie sch\u00f6n war es doch, wenn man am Brett sitzend l\u00e4nger ungest\u00f6rt nachdenken konnte. Doch im Online-Schach werden aus gutem Grund schnelle Bedenkzeiten bevorzugt. Der Spieler vor dem Bildschirm wird zu einer Art von Automat, der unter st\u00e4ndiger Zugpflicht steht. Dies kann auch durchaus auf die Gesundheit gehen: merkt man nach einer Blitzsession nicht, wie innerlich unruhig und aufgew\u00fchlt man ist? Ist das noch vergleichbar nach einer vier- bis f\u00fcnfst\u00fcndigen Turnierpartie, in der man alles gegeben hat und noch in einen Zustand sanfter Ersch\u00f6pfung f\u00e4llt? Sicherlich nicht!<\/p>\n<p><strong>Der Gegner, das unbekannte Wesen<\/strong><\/p>\n<p>Bekanntlich ist es im Internet \u00fcblich, Pseudonyme zu w\u00e4hlen. Die wenigsten Spieler registrieren sich unter ihrem Klarnamen, denn viele m\u00f6chten unerkannt bleiben. Dies f\u00fchrt zu dem unsch\u00f6nen Ergebnis, dass man in neun von zehn F\u00e4llen nicht wei\u00df, gegen wen man spielt. Man vergleiche dies mit einem normalen Turnier: es ist ungef\u00e4hr so, als ob jeder Spieler eine Maske aufh\u00e4tte, die ihn unkenntlich macht, und auf dem Namensschild am Brett nur noch die Wertungszahl steht. Diese Anonymisierung f\u00fchrt offensichtlich zu einer weiteren Entfremdung vom Geschehen. Man hat das Gef\u00fchl, man spielt nur noch gegen eine Zahl, und nicht mehr gegen einen Menschen aus Fleisch und Blut (au\u00dfer man kennt den echten Namen des Gegners, was nat\u00fcrlich auch vorkommt).<\/p>\n<p><strong>Fehlende soziale Kontrolle<\/strong><\/p>\n<p>In einer Turnierpartie kommt es selten vor, dass man beschimpft oder mit unfairen Mitteln bek\u00e4mpft wird. Im Online-Schach ist dies anders, wie wohl jeder schon festgestellt hat. Da wird man in v\u00f6lliger Gewinnstellung ungeniert \u00fcber die Zeit gehoben. Oder die Gegner spielen absichtlich unsinnige Z\u00fcge in Zeitnot, um den Anderen aus dem Konzept zu bringen. Manche Gegner lassen ihre Zeit in totaler Verluststellung ablaufen. Und als Kr\u00f6nung des Ganzen wird man oft noch schwach angeredet, wenn man den Chat nicht abgestellt hat. Man hat den Eindruck, dass viele Spieler auf einmal ihre guten Manieren vergessen, sobald sie vor dem Bildschirm sitzen. Eben weil die soziale Kontrolle fehlt. Unfaires Verhalten wird in der Regel auch nicht sanktioniert, da kein Schiedsrichter eingreift. Allenfalls kann man sich beim Admin beschweren.<\/p>\n<p><strong>Betrug geh\u00f6rt untrennbar zum Online-Schach<\/strong><\/p>\n<p>Immer wieder wird in Online-Turnieren von schwerem Betrug berichtet. Entweder wird aktiv Computerhilfe ausgenutzt, oder ein st\u00e4rkerer Spieler f\u00fchrt die Z\u00fcge aus. Gerade im Bereich schw\u00e4cherer und j\u00fcngerer Spieler scheint dies g\u00e4ngig zu sein, doch auch in st\u00e4rkeren Turnieren kam es bereits vor. Um dies zu unterbinden, hat der englische Gro\u00dfmeister Nigel Davies folgende Vorschl\u00e4ge gemacht, die sehr bedenkenswert sind:<\/p>\n<p>1) Es m\u00fcsste propriet\u00e4re Software vorhanden sein, um eine Verbindung zum Server herzustellen, der im Wesentlichen den Computer \u00fcbernimmt und andere Prozesse (Engines und Datenbanken) erkennt. Nur diese Software kann eine Verbindung f\u00fcr Turnierspiele herstellen.<\/p>\n<p>2) Die Software erlaubt nur einen Bildschirm auf dem PC und \u00fcbernimmt die Steuerung der Webcam und des Mikrofons (technische Limitierung).<\/p>\n<p>3) Jeder, der w\u00e4hrend des Spiels nicht gesehen und geh\u00f6rt werden kann, wird standardm\u00e4\u00dfig genullt (Pr\u00e4senzkontrolle).<\/p>\n<p>4) Die Spiele m\u00fcssen so kurz sein, dass der Spieler jederzeit in Sichtweite der Webcam bleiben muss (Limitierung der Bedenkzeit).<\/p>\n<p>5) Jemand, der technisch versiert ist, beobachtet die Spieler \u00fcber ihre Webcams (Kontrolleure).<\/p>\n<p>6) F\u00fcr die Einrichtung eines Kontos sollten echte Namen obligatorisch sein (Verifizierung).<\/p>\n<p>7) Die \u00fcblichen &#8222;Engine-Pr\u00fcfungen&#8220; k\u00f6nnen trotz Vorbehalte gegen\u00fcber ihrer Wirksamkeit weiterhin durchgef\u00fchrt werden (Engine-Kontrollen).<\/p>\n<p>Doch so gut die Kontrollen auch sind, es wird immer jemanden geben, der sie unterl\u00e4uft. Das Gegenargument lautet nat\u00fcrlich, dass es auch im klassischen Schach Betrug gibt, also vor allem das ber\u00fchmte Handy auf der Toilette. Das ist richtig, aber keine Entschuldigung f\u00fcr das massenhafte und nur unzureichend sanktionierte \u201echeating\u201c im Online-Schach!<\/p>\n<p><strong>Es lohnt sich nicht und es rechnet sich nicht!<\/strong><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend muss in dieser Aufz\u00e4hlung auch darauf verwiesen werden, dass in der Regel keine oder nur minimale Preisgelder f\u00fcr Online-Turniere ausgesch\u00fcttet werden. Der materielle Anreiz entf\u00e4llt somit weitgehend. Doch angesichts all der oben genannten Nachteile kann man noch einen Schritt weitergehen: Online-Turniere lohnen sich bei genauerer Betrachtung in keinster Weise! Alles was man im klassischen Schach gewohnt ist, entf\u00e4llt hier mehr oder weniger. Noch pointierter: all das was man an kultiviertem Schach sch\u00e4tzt, kommt abhanden. Was als Nutzen bleibt, ist der sporadische Zeitvertreib. Es ist nicht so, dass der Autor nicht selbst seit 20 Jahren im Online-Blitz unterwegs w\u00e4re. Jedoch stets au\u00dferhalb von Turnieren. Also nur zum Spa\u00df und zum Zeitvertreib.<\/p>\n<p><strong>Wie steht es also um die Zukunft des Online-Schachs?<\/strong><\/p>\n<p>Aus Sicht des Autors eher schlecht, denn die aufgez\u00e4hlten M\u00e4ngel lassen sich auch Dauer nicht abstellen und auch nicht kompensieren. Bei genauer Betrachtung reduziert sich das Blitzen am PC auf eine geistig herausfordernde aber ansonsten eher fruchtlose T\u00e4tigkeit. Es findet kein echter Austausch statt, man ist st\u00e4ndig getrieben und wird am Ende noch beschimpft oder betrogen. Man befriedigt sein Ego, wenn man seine Zahl steigert, und \u00e4rgert sich ma\u00dflos, wenn man wieder mal schlecht gespielt hat. Man wird zum Automaten, der einen Automat bedient, an dessen anderen Ende ein Automat sitzt, und der die Z\u00fcge durch einen Automaten \u00fcbertragen bekommt. Alles wird automatisiert und dehumanisiert!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kritische Betrachtung des Online-Schachs von GM Hertneck, M\u00fcnchen Wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, soll man aus der Not eine Tugend machen. 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